„Mama, du machst immer alles richtig. Dir passiert nie ein Fehler.“

Diesen Satz sagte mein Sohn zu mir, als er neun Jahre alt war. Er guckte mich dabei ganz traurig an – und für mich fühlte es sich wie ein Stich ins Herz an. Was lebe ich meinem Kind denn vor? Wie nimmt es mich wahr? Oder „verstecke“ ich meine Fehler? Wenn etwas nicht so gut geklappt hat, verschweige ich es?

Dieser Satz hat mich extrem getroffen.

Also fing ich an darüber nachzudenken: Wieso denkt er das? Denken das andere Kinder von ihren Eltern auch? Wie verhalten sich andere Mütter oder Väter? Machen sie Fehler, geht auch mal was schief? Und wenn ja, wie gehen sie damit um?

Wie ist das für unsere Kinder, wenn sie uns Erwachsene sehen, bei allem was wir eben so tun und denken, wir machen immer alles richtig? Immer. Alles. Richtig. Das kann ja nicht sein. Mir unterlaufen durchaus Fehler und auch bei dir klappt bestimmt nicht immer alles genauso wie du es gerne hättest, oder?

Fehler nicht zeigen

Ok, ich selber mag Fehler nicht so gerne – ich mag lieber, wenn das, was ich tue, auch klappt. Das sage ich ganz ehrlich. Es soll halt so funktionieren, wie ich das möchte. Und doch passieren sie mir auch, wie dir und meiner Mutter, meinem Mann, meiner Freundin. Letzte Woche ist mir das Essen leicht versalzen – noch essbar, doch besser mit einem Glas Wasser mehr dazu. Da habe ich etwas nicht richtig gemacht, obwohl ich wissen sollte, wieviel Salz an dieses Essen gehört. Gestern habe ich Wäsche gewaschen und als ich sie aufhängen wollte, waren lauter kleine Taschentuchreste an der Kleidung. Das kennst du wahrscheinlich auch. Da habe ich wohl in irgendeiner Tasche ein Taschentuch vergessen und jetzt darf ich die Fusseln aus der Maschine fummeln, die Kleidung ausschütteln und einige Kleidungsstücke im Trockner „entfusseln“. Ein Fehler. Also mache ich doch Fehler. Was mir dabei allerdings aufgefallen ist, ist, dass ich darüber nicht spreche. Beim Abendessen sage ich nicht: „Heute hatte ich lauter Taschentuchreste an der Wäsche, weil ich nicht gründlich genug die Taschen ausgeleert habe und musste die Wäsche irgendwie von den weißen Fusseln befreien.“ Nein, das erzähle ich lieber nicht. Doch wieso nicht? Ist doch auch irgendwie lustig, denn ich könnte es ja lustig sagen: „Ach, wisst ihr was mir heute passiert ist? Ich habe an eure T-Shirts und Hosen weiße Punkte gemacht. Sieht total lustig aus und gefällt euch bestimmt 😉. Das wolltet ihr doch, oder?“ Klingt schon ganz anders.

Und mein Sohn würde mitbekommen, dass ich Fehler mache oder Dinge auch bei mir nicht immer reibungslos funktionieren. Stimmt, wo ist er eigentlich, wenn mir etwas misslingt? Wenn bei ihm etwas schief geht, bekomme ich das meistens mit oder er sagt es mir, damit wir es zusammen in Ordnung bringen. Sagst du deinem Kind, wenn dir etwas runtergefallen ist oder du ein Glas Wasser verschüttet hast? Damit es dir beim Beseitigen hilft? Ich mache das nicht, denn ich weiß ja, was ich tun muss. Mein Sohn weiß das nicht immer und gibt mir dann Bescheid. Und so bekomme ich auch mit, wenn ein Fehler passiert. Das könnte ja schon mal ein Grund sein, wieso er denkt, dass ich immer alles richtig mache: er bekommt es anders gar nicht mit. Gut zu wissen.

Durch Üben Fehler vermeiden

Was ich ihm auch gesagt habe ist, dass ich natürlich schon viel mehr Übung in vielen Dingen habe. Weil ich älter bin als er, hatte ich mehr Zeit um sicher in meinen Tätigkeiten zu sein. Durch die vielen Wiederholungen weiß ich, was ich wann wie am besten tue. Das hat er ja noch gar nicht. Das kommt noch, je öfter er gewisse Dinge tut.

Und als ich ein Kind war, hat bei mir auch öfter etwas nicht geklappt oder ist was runtergefallen oder umgekippt. Das ist normal. So lernen wir Menschen und da dürfen Fehler passieren. Sie müssen sogar passieren. Aus ihnen lernen wir und das ist sehr wichtig. Wenn ich an meine Kindheit denke, fallen mir viele Situationen ein, wo ich Unterstützung von meinen Eltern brauchte, weil ich nicht wusste, welches Tuch ich zum Aufwischen nehmen soll oder wie ich Zerbrochenes aufhebe ohne mich zu schneiden. Jedes Mal habe ich dabei gelernt, nämlich wie ich etwas in Ordnung bringe, was nicht so geklappt hat, wie es sollte.

Wenn ich heute etwas Neues tue, passieren mir da wieder deutlich mehr Fehler, als bei den Dingen, die ich schon lange mache. Nur, soviel Neues ist da bei mir gar nicht mehr. Wie ist das bei dir? Hast du einen routinierten Alltag mit vielen Tätigkeiten, die du „im Schlaf“ kannst? Oder hast du einen bewegten Alltag mit vielen neuen Erlebnissen und Aufgaben? Mein Alltag war ziemlich routiniert und daher weitestgehend fehlerfrei, da ich oft dasselbe tat und mir dessen sicher war (außer bei dem Salz…). Das war bei ihm ganz anders: er ging in die Schule und lernte jeden Tag etwas Neues, hatte Hobbies wo er neue Dinge übte und auch die Aufgaben im Haushalt waren für ihn noch keine Routine. Er musste also viel häufiger als ich neue Informationen oder Tätigkeiten verarbeiten, einüben und beherrschen lernen als ich. Interessant.

Fehler bei uns heute

Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen und ich mag immer noch keine Fehler, die mir passieren. Doch mein Umgang mit ihnen hat sich verändert. Ich möchte nämlich definitiv nicht, dass mein Kind denkt, dass mir keine Fehler passieren. Ich erzähle jetzt, wenn bei mir etwas anders gelaufen ist, als ich es wollte und mache das auf eine witzige Art und Weise. So ist es für mich in Ordnung, davon zu erzählen und mein Kind merkt, dass auch mir Fehler passieren. Das hat unserer Beziehung sehr gut getan.

Für ihn war es allerdings auch sehr stärkend, dass ich seine Fehler nicht noch zusätzlich abgewertet habe, sondern wir gemeinsam eine Möglichkeit finden, wie wir etwas wieder in Ordnung bringen. So weiß er, was zu tun ist. Er hat eine Lösung, etwas, was er tun kann und schon ist das Ganze gar nicht mehr so schlimm. Das gibt ihm im Alltag deutlich mehr Sicherheit und er kann auch anderen zeigen, welche Lösungsmöglichkeiten es bei Fehlern gibt.

Und natürlich merken wir, dass er älter wird und viele Dinge schon oft getan hat. Das gibt ihm in der Handlung selber viel Sicherheit und so passiert es deutlich seltener, dass er etwas verkehrt macht bei alltäglichen Aufgaben.

„Es ist nicht schlimm, wenn etwas schief geht. Es ist nur schlimm, wenn es so bleibt und  nicht wieder in Ordnung gebracht wird.“

Du bist erwachsen und hast schon viel gelernt, viel ausprobiert und weißt viel, auch was passieren könnte wenn… Unsere Kinder lernen diese Dinge alle gerade erst. Habe Geduld mit ihnen.

Fühl dich in dein Kind hinein. Bestimmt findet es das total doof, dass das Glas umgekippt ist oder die Brezeln vom Teller gerutscht sind. Es möchte „groß“ sein und möglichst alles richtig machen. Schimpfe nicht, sondern zeige deinem Kind, wie es das Geschehene in Ordnung bringen kann. Das gibt deinem Kind Sicherheit. Und zwar doppelt: einmal in eurer Beziehung, denn du bist da, auch bei Fehlern UND in der Bewältigung von Fehlern, denn wenn es eine Lösung weiß und umsetzen kann, ist es sich in seinem Tun sicher.

Zeige und sprich über deine Fehler. Jedem „passiert mal was“, jedem geht mal etwas kaputt oder du verfährst dich, verpasst den Bus, lässt etwas fallen und und und. Es ist gut, wenn dein Kind dies auch mitbekommt. Vielleicht tröstet es dich und sagt: „Ist nicht so schlimm.“ oder „Ich hol den Lappen, das geht ganz leicht wieder weg. Ich zeig‘s dir.“ Das stärkt dein Kind enorm und es merkt, dass Fehler dazu gehören. Auch als Erwachsene. Das nimmt den Druck, immer alles richtig machen müssen zu können.

Also, viel Spaß bei deinen Fehlern. Oder Helfern?

 

Ich bin Ariane von Arianes Familiencoaching. Als Erzieherin habe ich viele Jahre mit Kindern im Alter von einem bis sieben Jahren in verschiedenen Kindertagesstätten und deren Eltern gearbeitet. Immer öfter baten mich Eltern, ihnen “einen Tipp” für den Alltag Zuhause zu geben. So habe ich bemerkt, dass Eltern unsicherer werden im Umgang mit ihrem Kind, weniger auf ihre eigenen Instinkte hörten und außer den Erzieherinnen ihres Kindes kaum einen adäquaten Ansprechpartner hatten. Dies habe ich auch innerhalb meiner Familie gemerkt. Mittlerweile bin ich neunfache Tante und auch hier wurde ich immer häufiger um Rat gefragt oder ob das Verhalten des Kindes “normal” sei. In diesem privaten Umfeld konnte ich gut unterstützen, doch bei den Familien in meiner Kita ging das leider nicht. Das hat mich mehr und mehr unzufrieden gemacht, denn sehr gerne hätte ich die Familien in ihrem Leben so unterstützt, wie sie es gerade brauchten. Ich bin zweifache Mutter und in einigen Situationen mit meinen Jungs hätte ich mir Unterstützung gewünscht – ein warmes Wort, Verständnis, Mut. Als Familiencoach kann ich jetzt den Eltern diese Beratung, Unterstützung und Begleitung geben.